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Was passiert, wenn Führung nicht im Betrieb endet
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Was passiert, wenn Führung nicht im Betrieb endet

Max Kreuzer · Published on 19. März 2026

Wertschätzung in der Gastronomie wird oft diskutiert. Selten wird sie wirklich gelebt. Ein Blick auf einen Betrieb, der zeigt, dass Führung manchmal dort beginnt, wo der Alltag aufhört.

Es gibt viele Wege, Wertschätzung zu zeigen. Die meisten davon sind vorhersehbar. Ein gemeinsames Essen nach der Schicht, ein Bonus, ein freier Tag. Alles wichtig, alles richtig – und trotzdem oft schnell wieder vergessen.

Und dann gibt es Entscheidungen, die anders sind. Nicht, weil sie größer sind. Sondern weil sie zeigen, wie jemand Führung wirklich versteht.

Vor Kurzem habe ich gesehen, dass ein Betrieb für ein Wochenende geschlossen hat. Kein Umbau, kein Betriebsurlaub, kein externer Grund. Sondern eine bewusste Entscheidung: Das gesamte Team reist gemeinsam nach London.

Drei Tage. Neue Eindrücke. Andere Betriebe. Andere Perspektiven.

Ein Beispiel dafür ist Beef & Glory.

Auf den ersten Blick könnte man das als Teambuilding bezeichnen. Als Incentive. Als nette Geste. Aber wenn man genauer hinsieht, steckt mehr dahinter.

Denn ein Betrieb, der in einer Branche wie unserer bewusst schließt, verzichtet in diesem Moment auf Umsatz, auf Frequenz, auf Geschäft – und entscheidet sich stattdessen für etwas, das sich nicht sofort messen lässt.

In Menschen.

Und genau dort beginnt der Unterschied.

Wer sein Team aus dem Alltag herausnimmt, trifft keine operative Entscheidung, sondern eine unternehmerische. Eine, die zeigt, woran man wirklich glaubt. Dass Entwicklung nicht nur im eigenen Betrieb stattfindet. Dass Inspiration nicht im Tagesgeschäft entsteht. Und dass Wertschätzung nicht nur bedeutet, Leistung zu erwarten – sondern auch etwas zurückzugeben.

Die Betreiberin beschreibt es selbst sehr klar: Es geht nicht darum, möglichst viel Geld in Sichtbarkeit oder Bewertungsplattformen zu investieren. Natürlich sind diese wichtig. Aber am Ende zählt etwas anderes – dass Gäste zufrieden sind. Und dass das eigene Team gerne Teil dieses Betriebs ist.

Und genau deshalb fließt die Investition dorthin, wo sie langfristig Wirkung hat.

In die Mitarbeitenden.

Ein gemeinsamer Trip wie dieser ist kein Bonusprogramm. Er ist ein bewusst gesetzter Impuls. Einer, der im Alltag oft fehlt. Gerade in der Gastronomie bewegen wir uns in klaren Strukturen. Küche, Service, Bar, Management. Jeder Bereich funktioniert für sich, jeder trägt Verantwortung, jeder ist abhängig vom anderen.

Aber Zeit, sich wirklich kennenzulernen, gibt es kaum. Gespräche passieren zwischen Bestellungen. Entscheidungen unter Druck. Missverständnisse entstehen schnell – und bleiben oft ungelöst.

Wenn ein Team gemeinsam aus diesem System herausgeht, verändert sich genau das.

Plötzlich geht es nicht mehr um Positionen, sondern um Menschen. Man erlebt sich außerhalb der gewohnten Rollen. Sieht, wie jemand denkt, reagiert, mit anderen umgeht. Ohne Zeitdruck. Ohne Taktung. Ohne die permanente Anspannung des Betriebs.

Und genau dort entsteht etwas, das sich nicht planen lässt.

Ein echtes Miteinander.

Verbindungen zwischen Küche und Service, die im Alltag oft fehlen. Gespräche auf Augenhöhe, die im Betrieb keinen Platz finden. Ein Verständnis füreinander, das nicht aus Meetings entsteht, sondern aus gemeinsamen Erlebnissen.

Dass dabei über 20 Mitarbeitende gemeinsam reisen, ist alles andere als selbstverständlich. Es ist organisatorisch anspruchsvoll, wirtschaftlich nicht trivial – und bedeutet ganz konkret, auf Umsatz zu verzichten.

Aber vielleicht ist genau das der Punkt.

Die Bereitschaft, kurzfristig etwas aufzugeben, um langfristig etwas aufzubauen.

Denn ein starkes Team entsteht nicht durch Benefits auf Papier. Nicht durch einzelne Maßnahmen. Und auch nicht durch gut gemeinte Worte. Es entsteht durch Erlebnisse, die bleiben. Durch Momente, die verbinden. Durch Entscheidungen, die zeigen, dass Wertschätzung nicht nur kommuniziert, sondern gelebt wird.

Und vielleicht liegt genau hier eine der zentralen Aufgaben moderner Führung.

Nicht nur Stabilität zu schaffen, sondern bewusst neue Perspektiven zu ermöglichen. Nicht nur Abläufe zu optimieren, sondern Menschen weiterzuentwickeln. Nicht nur Erwartungen zu formulieren, sondern selbst vorzuleben, was man sehen möchte.

Wenn Mitarbeitende erleben, dass in sie investiert wird, verändert sich mehr als nur die Stimmung. Es entsteht Bindung. Verantwortung. Identifikation.

Nicht, weil es eingefordert wird.

Sondern weil es entsteht.

Wir sprechen in unserer Branche oft über Wertschätzung, über Fachkräftemangel, über neue Generationen und darüber, warum vieles nicht mehr funktioniert wie früher. Aber vielleicht beginnt die Antwort nicht bei den Mitarbeitenden.

Sondern bei der Art, wie wir führen.

Der London-Trip ist deshalb kein außergewöhnliches Event. Er ist ein Beispiel. Für eine Haltung, die nicht laut ist, nicht inszeniert, nicht darauf ausgelegt ist, gesehen zu werden – und genau deshalb wirkt.

Eine Haltung, die zeigt, dass Führung nicht im Betrieb endet.

Sondern dort beginnt, wo man bereit ist, weiterzudenken.

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